Abseits von Krypto wird es unruhig
An den Aktienmärkten sehen wir rote Zahlen, insbesondere bei KI-Aktien. Dass der Kryptomarkt in diesem Tumult stabil bleibt und sogar manchmal stark erscheint, ist bemerkenswert. Gleichzeitig wird Krypto in Washington eine zunehmend strategische Rolle zugewiesen. Ist das ein erstes Zeichen einer neuen Phase? Mehr dazu in dieser Ausgabe der Bitvavo Market News.
Markt-Update
Der Bitcoin-Kurs lag in den vergangenen zwei Wochen meist zwischen 54.000 € und 57.000 € – er schwankte also bemerkenswert wenig. Dies gilt umso mehr, als es außerhalb des Kryptomarktes turbulent zugeht: Wegen der Unruhen im Iran stieg der Ölpreis stark, während KI-Aktien deutlich verloren.
Diese relative Stärke ist ein frühes Anzeichen, dass wir in dem Teil des Bärenmarktes angekommen sind, in dem eine Trendwende realistisch ist, sprich: am Boden des Bärenmarktes.
Ein weiteres Signal ist die positive Divergenz zwischen dem Preis und Indikatoren wie Momentum, Handelsvolumen, On-Chain-Daten und Stimmung. Der Kurs sinkt auf neue Tiefpunkte, doch die Rückgänge verlieren an Kraft.
Zusammen ergibt sich das Bild, dass die Umstände jetzt anders sind als vor drei oder sechs Monaten. Wir achten daher diesen Sommer genau auf Anzeichen eines neuen Aufwärtstrends, eines neuen Bullenmarktes. Nämlich ein höheres Hoch über die 70.300 € vom 6. Mai, danach ein höherer Tiefpunkt als 50.600 € vom 1. Juli und schließlich ein Wochenschluss über dem dominanten Durchschnitt von aktuell 73.000 €.
Im Fokus
Das planen die USA mit Krypto
Scott Bessent nutzte ein Galadinner zu Ehren des 250-jährigen Bestehens der USA für eine bemerkenswert offene Botschaft. Der Finanzminister erklärte nicht nur, wie Amerika auf die Weltwirtschaft blickt, sondern auch, wie es seine Macht darin erhalten möchte. Stablecoins, Tokenisierung und neue Zahlungssysteme nehmen dabei offenbar einen wichtigen Platz ein.
Bessent nennt seine Strategie Economic Statecraft: den Einsatz wirtschaftlicher Macht zum Schutz der US-Souveränität. Die Nachkriegs-Weltordnung hat seiner Meinung nach viel Wohlstand gebracht, aber auch Schwachstellen aufgedeckt. Internationale Produktionsketten waren in Krisenzeiten weniger zuverlässig als angenommen, und billige Importe wogen nicht immer den Verlust der heimischen Produktionskapazität auf.
Deshalb verlagert sich der Fokus von Effizienz auf Resilienz. Amerika möchte strategische Branchen stärken, die Gegenseitigkeit von Handelsbeziehungen durchsetzen und den Dollar sowie seine Finanzmärkte ausdrücklich als geopolitisches Machtmittel einsetzen.
Im letzten Jahrhundert verlief der Welthandel laut Bessent hauptsächlich durch Häfen und über Ozeane. Heute läuft er zunehmend über Plattformen, Systeme und Protokolle. Wer deren technische und rechtliche Standards bestimmt, erlangt auch geopolitischen Einfluss. In diesem Zusammenhang nennt er explizit digitale Assets, Stablecoins, Tokenisierung und neue Zahlungssysteme.
Washington begrüßt dezentrale Technologien also nicht als unabhängiges unzensiertes Geld. Die US-Regierung betrachtet Krypto vor allem als einen neuen Vertriebskanal für finanzielle Macht. Dollar-Stablecoins machen den Dollar weltweit schneller verfügbar, während die zugrunde liegenden Reserven eine zusätzliche Nachfrage nach US-Staatsanleihen schaffen können.
Für den Kryptosektor ist das unterm Strich ein wichtiges positives Signal. Digitale Assets werden nicht mehr nur als schwer regulierbares Randphänomen behandelt, sondern als strategische Infrastruktur. Dies kann die Regulierung beschleunigen, institutionelle Investitionen anziehen und öffentliche Blockchains weiter mit dem bestehenden Finanzsystem verbinden. Parteien wie Circle und BlackRock sind hierbei führend. Aber auch Kryptobörsen, Entwickler und Anleger profitieren von der zunehmenden Legitimität.
Vor diesem Hintergrund erhält auch der Clarity Act zusätzliche Bedeutung. Das Gesetz soll digitale Assets mit klaren US-Spielregeln versehen. Für Bessent ist das keine Geste an den Sektor, sondern die Schaffung einer Infrastruktur, die Amerika selbst für notwendig erachtet.
Auch Bitcoin kann davon profitieren. Eine stärkere Anbindung an das Finanzsystem erhöht die Zugänglichkeit und Legitimität des Netzwerks. Gleichzeitig hebt sich Bitcoin als knappes, neutrales und staatenloses Gut immer deutlicher von programmierbaren Dollars ab. Je öfter Staaten Geld als Machtmittel einsetzen, desto deutlicher wird der Wert eines Assets, das außerhalb dieses Machtkampfes steht.
Weitere Nachrichten
Visa sieht in Kreditkarten und Stablecoins die Zahlungsschicht für KI-Agenten. Karten bleiben für größere Einkäufe im Namen von Menschen geeignet, wie zum Beispiel einen Flug oder ein Abo. Stablecoins sollen kleine, häufige Zahlungen zwischen Maschinen abwickeln können. Das Zahlungsprotokoll x402 hat laut Visa bereits 109,6 Mio. Transaktionen im Wert von 15 Mio. $ verarbeitet. Diese Aktivität fand hauptsächlich auf Base, Solana und Polygon statt. Ein Engpass für weiteres Wachstum ist laut Visa nicht die Zahlung selbst, sondern das darunterliegende Sicherungssystem mit Themen wie Identität, Genehmigung, Betrugsbekämpfung und Haftung bei Fehlern.
Niederländische und belgische Ermittler nehmen sechs Verdächtige aus internationalem Betrugsnetzwerk fest. Die Organisation agierte wie ein Unternehmen mit rund zwanzig Callcentern und über 700 Mitarbeitern, die sich als Finanzberater ausgaben. Weltweit sollen monatlich mehr als 100 Mio. € erbeutet worden sein. In den Niederlanden wurden in dem Zusammenhang 550 Anzeigen aufgenommen, bei denen es um einen Gesamtschaden von fast 25 Mio. € geht. Die Opfer sahen auf professionell aussehenden Fake-Plattformen fiktive Gewinne und wurden so dazu verleitet, immer mehr Geld zu überweisen. Vorsicht ist also angebracht.
Wall Streets zentraler Wertpapierverwahrer führt erstmals echte Transaktionen mit On-Chain-Aktien und Staatsanleihen durch. DTCC, das 114 Billionen $ verwaltet, wandelte Wertpapiere in Tokens um. Dazu gehörten unter anderem Microsoft-Aktien, Circle, der S&P 500 und amerikanische Staatsanleihen. Rund 40 Finanz- und Technologieunternehmen nahmen an dem Pilotprojekt teil. Im Oktober wird DTCC den Dienst einführen, mit dem angeschlossene Institutionen Wertpapiere selbst zwischen ihrem herkömmlichen Konto und einer Blockchain-Wallet verschieben können. Das ist ein erhebliches Upgrade der traditionellen Finanzinfrastruktur, aber noch kein frei zugänglicher Aktienmarkt.
Die EU-Verhandlungen über den digitalen Euro gehen in die letzte Phase. Das Europäische Parlament wird mit den Mitgliedstaaten über die genaue Ausgestaltung des digitalen Bargelds verhandeln. Gleichzeitig wählte die EZB 36 Banken und Zahlungsdienstleister, darunter Adyen, Revolut, Stripe und SumUp, für einen zwölfmonatigen Praxistest ab der zweiten Hälfte des Jahres 2027 aus. Der digitale Euro soll auch offline funktionieren, über Banken angeboten werden und Europa weniger abhängig von großen US-Zahlungsdienstleistern machen. Die Einführung ist für 2029 geplant.
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