Kapitulation, aber noch kein Boden in Sicht
Bärenmärkte sind durch Kapitulation gekennzeichnet: kurze, intensive Momente, in denen Zweifel in starken Verkaufsdruck umschlagen. Auch dieser Zyklus hat bereits mehrere solcher Schocks erlebt. Der jüngste drückte den Markt zwar wieder in Richtung des vorherigen Tiefs, jedoch noch nicht in ein deutlich niedrigeres Preisniveau. In dieser Ausgabe der Market News beleuchten wir die sensible Zwischenphase, in der der Markt nach Stabilität sucht. In dieser Phase zeigt sich, wie solide die einzelnen Sektoren tatsächlich aufgestellt sind.
Markt-Update
Wer nahe dem Hoch eingestiegen ist, steht auf dem Weg nach unten vor einer Entscheidung: investiert bleiben und auf bessere Zeiten warten oder den Verlust realisieren. Letzteres kann eine rationale Entscheidung sein, die auf einem zuvor festgelegten Plan basiert. Häufig gewinnen jedoch die Emotionen die Oberhand, wenn die roten Zahlen im Portfolio unerträglich werden.
In einem Bärenmarkt gibt es kurze Phasen, in denen viele dieser Verlustverkäufe gleichzeitig stattfinden. Der Kurs fällt, Anleger verkaufen. Der Kurs fällt weiter, Anleger verkaufen noch mehr. Ein sich selbst verstärkender Kreislauf der Panik, der erst endet, wenn auch der letzte Zweifler aus dem Markt gedrängt wurde. Das sind die Kapitulationen.
Im Chart erkennt man sie als eine parabelförmige Beschleunigung nach unten, begleitet von hohem Handelsvolumen. In diesem Bärenmarkt haben wir drei solcher Ereignisse erlebt: am 21. November, 6. Februar und 5. Juni. Die Kapitulation im Februar war die heftigste: der stärkste Kursrückgang, das höchste Handelsvolumen und die größte Summe realisierter Verluste in den On-Chain-Daten.
Eine Kapitulation kann den Markt in einen niedrigeren Preisbereich führen, wie es im Februar der Fall war. Diesmal ist die Situation jedoch anders. Gemessen in US-Dollar lag das Tief im Juni etwas niedriger, gemessen in Euro etwas höher als im Februar. Insgesamt liegen beide Tiefs damit auf einem ähnlichen Niveau. Das ist noch kein Beweis dafür, dass der Bärenmarkt vorbei ist. Ein erstes Indiz wäre die Ausbildung eines deutlich höheren Tiefs – und das haben wir bislang noch nicht gesehen.
Im Fokus
Krise bei Cardano
Cardano startete 2017 als akademische Alternative zu Ethereum. Alles sollte wissenschaftlich fundiert sein – mit Peer-Review-Verfahren, formaler Verifikation und einem Entwicklungsprozess, der Zuverlässigkeit über Geschwindigkeit stellte. Das brachte dem Projekt eine treue Anhängerschaft ein, aber auch einen hartnäckigen Vorwurf: Cardano versprach viel, doch Ergebnisse und entsprechende Akzeptanz ließen in der Praxis oft lange auf sich warten.
Diese Spannung ist in den vergangenen Wochen deutlich sichtbar geworden. JPG Store, jahrelang der wichtigste NFT-Marktplatz auf Cardano, stellte Ende Mai seinen Betrieb ein. Kurz darauf kündigte TapTools an, seine Aktivitäten zurückzufahren. Das ist schmerzhaft, denn TapTools war eine zentrale Analyseplattform für das Ökosystem und wurde von vielen Projekten genutzt. Gleichzeitig ist die DeFi-Aktivität im Netzwerk deutlich zurückgegangen, und der ADA-Kurs liegt weit unter seinem Höchststand von 2021.
Seit dem Beginn der Voltaire-Ära verfügt Cardano über eine Form der On-Chain-Governance, bei der sogenannte DReps über Ausgaben aus der gut gefüllten Treasury mitentscheiden. Das sollte das Netzwerk dezentraler und reifer machen. Doch genau dieses System blockiert nun wichtige Vorschläge. Der Cardano Summit 2026 in Singapur wurde abgesagt, nachdem ein Finanzierungsantrag die erforderliche Mehrheit knapp verfehlte. Auch Vorschläge zu Forschung und Weiterentwicklung stoßen auf erheblichen Widerstand.
Für Charles Hoskinson, Gründer und Aushängeschild von Cardano, ist das eine unangenehme Situation. Kürzlich warnte er vor einer Welle von Fehlschlägen in der zweiten Hälfte des Jahres 2026 und erklärte, dass er es leid sei, einen Abschwung zu managen. Gleichzeitig betont er, dass er keine eigenständigen Entscheidungen mehr treffen könne. Darin liegt eine gewisse Ironie: Cardano wollte Dezentralisierung fest in seine Struktur integrieren. Doch sobald die Entscheidungsfindung den eigenen Führungspersönlichkeiten entgegensteht, wirkt sie eher wie eine Lähmung.
Um die entstandene Governance-Krise zu entschärfen, brachte Hoskinson sogar eine radikale Option ins Spiel: die Gründung eines neuen Cardano-Netzwerks, zu dem bestehende ADA-Inhaber wechseln könnten, indem sie ihre Token gegen neue eintauschen. Ein Neustart für Entwickler – und zugleich ein Bruch mit jener Gemeinschaft, die Cardano groß gemacht hat.
All dies berührt eine grundlegende Frage des Kryptomarktes: Wie steuert man ein dezentrales Netzwerk, wenn viel Kapital, unterschiedliche Interessen und ein charismatischer Gründer aufeinandertreffen? Governance klingt in ruhigen Zeiten nach einer eleganten Lösung. Erst in schwierigen Phasen zeigt sich, ob ein solches System auch Orientierung geben kann. Bei Cardano läuft dieser Praxistest derzeit auf Hochtouren.
Weitere Nachrichten
Der Markt für ICOs ist auf den niedrigsten Stand seit Jahren gefallen. Im zweiten Quartal 2026 wurden bislang nur 58 Millionen $ über ICOs, IDOs und IEOs eingesammelt – nach 390 Millionen $ im Vorquartal. Auch die Zahl der Angebote sank deutlich von 105 auf 37. Ursache sind die schwache Performance neuer Token und eine nachlassende Risikobereitschaft der Anleger.
US-amerikanische Bitcoin-Fonds verzeichnen bereits die fünfte Woche in Folge Kapitalabflüsse. Im Zeitraum vom 8. bis 12. Juni belief sich der Nettoabfluss auf 316 Millionen $. Auch Spotfonds für Ether und Solana mussten Abflüsse hinnehmen; lediglich Produkte auf XRP und HYPE verzeichneten leichte Zuflüsse. Für Bitcoin gab es jedoch ein positives Signal: Am Freitag konnten die Fonds erstmals seit zwanzig Handelstagen wieder spürbar neue Mittel anziehen. Das Wochenbild bleibt zwar schwach, doch der Verkaufsdruck scheint etwas nachzulassen.
Dem europäischen Kryptomarkt steht durch die MiCA-Frist zum 1. Juli eine bedeutende Konsolidierung bevor. Unternehmen ohne offizielle Lizenz verlieren dann ihre vorübergehende Erlaubnis, Kunden in der EU zu bedienen. Besonders betroffen sind die tausenden kleineren Anbieter, für die die Kosten und Anforderungen einer Lizenzierung schwer zu stemmen sind. Europa erhält dadurch einen geordneteren und stärker regulierten Kryptomarkt – wahrscheinlich aber auch einen kleineren. Das ist der Preis des Verbraucherschutzes: weniger Auswahl und mehr Marktmacht für die großen Akteure.
Die drei größten Banken Japans – MUFG, Sumitomo Mitsui und Mizuho – planen die Einführung eines gemeinsamen Yen-Stablecoins. Die Einführung ist für das laufende Geschäftsjahr vorgesehen, das im März 2027 endet. Zur Vorbereitung gründen die Banken einen gemeinsamen Rat und arbeiten dabei eng mit der japanischen Finanzaufsicht zusammen, die das Vorhaben bereits seit Ende 2025 unterstützt. Der Schritt zeigt das wachsende Interesse an digitalen Zahlungsmethoden in Japan, wo Bargeld und Kreditkarten nach wie vor eine wichtige Rolle spielen.
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